Gabi und Sascha
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Aus Spiegel Online erscheint zur Zeit eine Artikelserie zu Linux. Dort behauptet der Autor Klaus Lüber, dass Linux die meisten Benutzer überfordert. Es sei zu komplex, die Syntax der Programmzeilen kryptisch, einfache Probleme, unter Windows einfach zu lösen, werden zu unüberwindbaren Hindernissen.

Ich selbst verwende Linux privat seit über 10 Jahren. Beruflich habe ich als Softwareentwickler bisher unter Windows, Linux, FreeBSD, AIX und Mac OS X gearbeitet (Serversysteme erwähne ich hier einmal nicht). Aus dieser Perspektive kann ich den Autoren nur zustimmen. Linux ist zu kompliziert. Ein normaler Benutzer will und soll sich nicht mit dem compilieren von Treibern befassen müssen. Die Einrichtung eines Druckers darf nicht zu einer Odysee werden. Die Beschäftigung mit dem System darf nicht zum Selbstzweck werden.

Zwar hat sich in den letzten 10 Jahren sehr viel getan, die Weisheit letzter Schluss ist dies aber in vielen Bereichen immer noch nicht. Und hier sind die Linux Distributionshersteller wie SuSE oder Redhat nicht ganz unschuldig. Seit meinen Anfängen um den Kernel 0.99-irgendetwas, den ersten Slackware Distributionen bis zum aktuellen SuSE 9.2 habe ich es nicht einmal erlebt, dass sich das Update einer Distributionsreihe problemlos einspielen liess. Beim letzten Update von SuSE 8.1 auf Version 9.2 wurden z.B. die Verknüpfungicons zum Disketten- und CD-ROM Laufwerk entfernt. Das ist in erster Linie ärgerlich, weil ich die Verknüpfungen händisch wieder einrichten musste, da meine Frau diese sonst nicht wieder gefunden hätte. Sie will und muss nicht die Linux Dateisystemhierarchie kennen, um mit dem Konqueror einfach zum CD-ROM Ordner navigieren zu können. Dieses kleine negative Erlebnis zerstörte bei mir wieder den an sonsten positiven Eindruck, den ich von SuSE 9.2 hatte.

Aber sind andere Systeme wirklich einfacher? Ich denke nicht. Heutige PCs sind extrem komplexe Maschinen. Die Aufgaben welche die Benutzer damit erledigen wollen sind ebenfalls extrem komplex. Diese Komplexität kann man nicht reduzieren, man kann höchstens versuchen eine Illusion der Einfachheit zu erzeugen. Diese Illusion wird in der Linuxwelt nicht sonderlich gut erzeugt. Hier schwächelt auch Microsoft mit Windows. Sie wird einigermassen überzeugend in der Applewelt erzeugt. Treiber sind unter Windows und Mac OS X zwar ein wenig einfacher zu installieren, aber welcher Anwender kennt sich wirklich mit dem Zonenmodell des Internet Explorers unter Windows aus und konfiguriert dieses auch immer korrekt? Verstärkt wird diese Selbstbeschäftigung mit dem System zwangsläufig unter Windows wenn der Benutzer im Internet surfen will. Dann benötigt er ein Anti-Viren Werkzeug, welches regelmässig geupdated werden muss (was zusätzlich Geld kostet). Zusätzlich wird noch eine Firewall benötigt. Diese bringen zwar eine Grundkonfiguration mit, deren Arbeitsweise aber kein normaler Anwender wirklich versteht. Denn wer will sich schon wirklich hinunter auf die TCP/IP Protokollebene begeben? Ausserdem muss er regelmässig einschlägige Sicherheitsforen lesen und die dortigen Erkenntnisse bewerten, denn nicht immer lässt sich auf den nächsten Microsoft Patchday warten.

Die Liste der Schwierigkeiten lässt sich bei jedem System endlos weiter führen. Das eine kann dies besser, das andere jenes. Solche Artikel führen auf jeden Fall zu hitzigen Flamewars und erzeugen Aufmerksamkeit für den Autoren. Ansonsten sind sie für Kenner eher belanglos. Daher arbeite ich morgen auch wieder auf meinem Fedora Linux und bin dabei auch noch produktiv. Denn sonst hätte mein Arbeitgeber mir längst einen Mac verordnet... hmm... [aufleuchtende Glühlampe] "CHEF!!! Ich bin unproduktiv..."

Referenzen:
Spiegel-Online Artikel: Quälen an der Quelle, Die Not mit dem Retter

P.S. Programmzeilen sind immer kryptisch, wenn man sich nicht mit dem Programmiersystem auskennt.