Gabi und Sascha
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Die Lektion, dass die bundesdeutsche Regierungen ihre Bürger im Ausland im Stich lassen, wenn diese in Not geraten, habe ich als Kleinkind gelernt. Zwar verblassen die Details im Nebel der Vergangenheit und ich kann nicht alles vollkommen exakt wieder geben, aber die Kernbotschaft blieb hängen. Bis heute und sie ist vielleicht auch einer der Gründe für einige Verhalten, die ich bisweilen an den Tag lege.

Mein Vater hat in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts im Off-Shore Geschäft gearbeitet. Er ist dabei sehr viel von der Welt gesehen und darum beneide ich ihn noch heute aufrichtig. Manchmal hat meine Mutter wochenlang nichts von ihm gehört. Telekommunikation war damals nicht so selbstverständlich wie heute. Telefongespräche von Schiffen mussten damals bei angemeldet werden. Die Verständigung war schlecht und wenn es sein musste, dann haben die Operatoren auch mal bestehende Telefongespräche unterbrochen. Als mein Vater mit dabei beschäftigt war die Folgen des im zu beseitigen, besassen die amerikanischen Truppen die einzigen Sprechfunk-Systeme. Da passierte es dann schon mal, dass wir 6 Wochen nichts von ihm hörten. Sowas ist nicht schön, aber erträglich, wenn man die Umstände kennt.

Das Ereigniss ist, so glaube ich 1975, passiert. Das BMS Albatros der Bugsier sollte Schiffe auf einem von ins des bringen. Auf der Überfahrt sind die Rohre der Schiffe, auf denen natürlich keine Heizungen liefen und die nicht evakuiert waren, zugefroren und geplatzt. Im Zielhaften Tripolis fiel der Schaden auf und es entbrannte ein Streit darüber, wer für den Schaden verantwortlich ist. Selbstverstädlich kann man sich nicht schnell einigen. In der Schifffahrt geht es ähnlich basarhaft zu wie in dem nordafrikanischen Staat auch. Auf libyischer Seite wurde nicht lange gefackelt. Das Schiff wurde festgesetzt und die Besatzung und mein Vater, der für die Bedienung des Pontons zuständig war, unter Hausarrest auf dem Schiff gesetzt. Kommunikation war nicht erlaubt. Okay, daran wurde sich nicht unbedingt gehalten und die Wachen waren, so mein Vater, für Bakshish sehr empfänglich. In EC- und Kreditkartenarmen Zeiten hatte ein Schiff immer genügend Bargeldreserven an Bord.

Ghaddafi und Libyen hatten schon damals nicht den besten Ruf und standen im Verdacht den Staatsterrorismus zu fördern. Libyen war eines der Länder, welche mit ihrem Embargo 1973, die erste auslösten. Die Nachricht, dass mein Vater in einem Land, in welchem 6 Jahre zuvor geputscht wurde und in dem jetzt ein Desperado dieses in einen sozialistischen Staat arabischer Prägung umbaut, als Geisel gehalten wird, traf meine Mutter wie ein Vorschlaghammer. Ich habe sie niemals vorher und niemals nachher soviel weinen gesehen. Für ein 6 Jahre altes Kind ist soetwas prägend.

Meine Mutter versuchte natürlich Himmel und Hölle in Bewegung zu setzen, um meinen Vater in dieser Situation zu helfen. war damals gerade zum ewigen Aussenminister geworden. In meiner Erinnerung rief sie beinahe täglich im an. Ob sie jemals mit ihm gesprochen hat weiss ich nicht mehr so genau. Aber eines Tages, nachdem sie mal wieder angerufen hat, hat man ihr wohl die Wahrheit darüber gesagt, was das Aussenamt zu tun gedenkt: Nichts… Sie müsse das verstehen. Man könne da nicht viel machen. Libyen ist unser wichtigster Öllieferant…

Man sollte als 6 Jähriger nicht lernen, dass sich in dieser Zeit alles ums Öl dreht. Man sollte als 6 Jähriger nicht lernen, dass der Staat in Kauf nimmt, dass einige seiner Bürger über die Klinge springen, nur damit man weiter in Ruhe das schwarze Gold bekommt. Man sollte als 6 Jähriger nicht begreifen, das Regierungen, die immer wieder betonen, sie lasse sich nicht erpressen, aus Experten für angewandte Doppelmoral bestehen (okay, dass habe ich jetzt formuliert ;-) ).

Ich habe im Laufe der nächsten 30 Jahre immer wieder miterlebt, dass Bundesbürger als Geiseln gehalten werden. Sei es im Libanon, Rudolf Cordes und Alfred Schmidt, sei es die Familie Wallert auf den Pillippins[sic], seien es die Sahara-Geiseln oder jetzt Susanne Osthoff im Irak. Den betroffenen Familien gilt manchmal mein Mitgefühl. Krisenstäbe sind eine einzige Heuchelei.

Vor diesem Hintergrund wundert es mich auch nicht, dass Erfüllungsschergen der Exekutive in Syrien eingekehrkerte und gefolterte Bundesbürger befragen, anstatt alles dafür zu tun sie frei zu bekommen. Vor diesem Hintergrund wundert es mich nicht, dass vorgestern die Mitglieder der Exekutive, nach einer Eigenüberprüfung, sich selbst entlasten. Ich kann ihnen kein Wort glauben!

Mein Vater allerdings hat das Problem auf seine Art gelöst. Die Wachen bestochen, sich ein Ausreisevisum besorgt und verpisst. Kapitän Rohleder und die Crew mussten drei Monate länger Angst habe.

[ZEITUNGSARTIKEL AUS DER "BILD"-ZEITUNG (HAMBURG VON STEFAN LIPSKY. ERSCHEINUNGSDATUM UNBEKANNT]
Mit freundlicher Genehmigung von Stefan Lipsky
 

Moin Herr Kohlmann, ich bin auf der Suche nach Informationen über den ehemaligen Schlepper ALBATROS über Ihren Namen gestolpert. Über einen Kontakt würde ich mich sehr freuen Mit freundlichen Grüßen Jan