Trauer ist etwas merkwürdiges. Als das Telefon klingelte und ich die Nummer meiner Eltern erkannte, war die Welt noch in Ordnung. Sekunden später ist sie aus den Fugen geraten.
«Moin, was gibts? Ist was passiert?» Meine Eltern rufen sogut wie nie mit dem Handy an. Ich dachte, dass sie etwas für Würmelienchen entdeckt hätten.
«Es ist etwas schlimmes passiert» hörte ich meinen Vater sagen, «die Mama ist gerade gestorben.»
Das Hirn registrierte die Worte. Es registrierte die Bedeutung und wollte sie nicht wahr haben. Die bedeutungslose Rückfrage, ob es ein Scherz sei – ein dummer Strohhalm – das ist nicht das Niveau meines Vaters.
Jetzt beginnt der Verstand zu rasen. Die Erkenntnis der Wahrheit ist angekommen. Gestern noch telefoniert, keine Anzeichen für irgend ein Problem und dann bleibt einfach so das Herz stehen. Von einer Sekunde auf die andere ist das Leben vorbei. Das Bewusstsein eines Menschen, seine Erinnerung, sein Lachen — einfach vorbei. Das ist sehr schwer zu begreifen. So müssen Religionen entstanden sein.
Bisher war der Tod für mich nur einmal schlimm. Bei meinen Grosseltern hat er sich entweder lange angekündigt oder ich war noch zu klein, ihn wirklich zu begreifen. Diesmal war es anders. Plötzlich und unerwartet mit 66 Jahren, einer der wichtigsten Menschen meines Lebens - mit Sicherheit der Prägenste. Erstaunlich war die erste Trauerphase. Wir sind noch am selben Abend zu meinem Vater gefahren. Im Haus meiner Kindheit herrschte Leere trotz aller anwesenden Personen. Jeden Augenblick dachte ich, dass sie gleich um die Ecke kommt – alles nur ein böser Traum. Natürlich kommt sie nicht um die Ecke.
Meine tiefe Trauer hat 5 Tage gedauert. Von der Nachricht bis zu dem Moment, als sich nach der Trauerfeier die Tür hinter ihrem Sarg schloss. Trauerfeiern halte ich seitdem für wichtig. Sie haben tatsächlich etwas befreiendes. Auch wenn es schrecklich banal klingt: das Leben geht weiter. Mit all seiner Banalität – auch in diesem Blog.
