Vor Jahren hatte ich Besuch von den Zeugen Jehovas. Sie klingelten und wollten mir was aus der Genesis erzählen. Ich winkte ab. Die Genesis ist ein Märchen. Wie, so fragte ich, kann es sein, dass Kain gezeichnet wird, damit ihn die anderen Menschen nicht töten. Wo kommen die anderen Menschen her? Nein, antworteten sie mir, dass müsse ich anders interpretieren…
Nein, muss ich nicht.
Heute spielen klassische Religionen keine zentrale Rolle mehr in unserem Leben. Wir können sie interpretieren wie wir wollen. Ein vierstellige Anzahl an religiösen christlichen Sekten deutet ihr Buch, die Bibel, unterschiedlich. Dabei kann nur eine Interpretation richtig sein. Welche dies aber ist, darüber streiten sich die Gelehrten. Heute zumeist friedlich. Religionskriege sind gerade nicht gross in Mode.
Taxonomien
Taxonomien sind Klassifikations-Systeme für Gegenstände und/oder Ideen. Taxonomien sind dabei zumeist hierarchisch geordnet. Mehrere Begriffe werden durch einen Oberbegriff abstrakter zusammen gefasst. Beispiel: Auto und Fahrrad sind Unterbegriffe von Fortbewegungsmittel.
Das Recht als Religion
Gesetze sind die moderne Form der kodifizierten religiösen Regeln. In der Bibel die 10 Gebote, im BGB über zwei Zehnerpotenzen Regeln mehr. Hinzu kommen einige hundertausend weitere Paragrafen in den unterschiedlichsten Gesetzen und Verordnungen. Über diese Regeln wachen Juristen, die Priester des Rechts. Wie bei Religionen kann der Laie das Regelwerk auch nicht mehr durchschauen. Er muss sich Fachleute kaufen, die ihn beraten und für ihn vor den höchsten Autoritäten des Rechts, den Gerichten sprechen.
Das Recht und Religion verwandt sind belegt auch römische Juristenweisheit «vor Gericht und auf hoher See sind wir allein in Gottes Hand».
Problem der Interpretation
Am Beispiel von Artikel 5
(1) Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.
Der Begriff der Zensur bezeichnet dabei ein Verfahren um Inhalte zu kontrollieren. Dabei wird unterschieden zwischen Vor- und Nachzensur. Eine klassische taxonomische Klassifizierung. Das Problem: in der Rechtswissenschaft in diesem Land wird beim Zensurbegriff des Artikel 5 von Nachzensur ausgegangen. Nachzensur bedeutet, das jeder seine Meinung frei zum Ausdruck bringen darf. Er kann aber nachträglich zur Verantwortung gezogen werden, wenn er dabei gegen Gesetze verstösst.
Die Priester des Rechts interpretieren den Oberbegriff Zensur – mit seiner klaren Aussage – um in einen seiner Unterbegriffe. Auf Fortbewegungsmittel angewendet: Fortbewegungsmittel sind Fahrräder aber keine Autos. Logisch ist das nicht, aber das müssen Religionen auch nicht sein.
Mein Problem
Klassische Religionen kann ich ignorieren. Ich kann die Interpretationen der Religionsgelehrten ausblenden und mir meine eigene Interpretation machen — weswegen ich die Bibel und den Koran als zutiefst aggressive und gewalttätige Bücher betrachte.
Beim Recht in diesem Land kann ich das nicht. Ich muss mich ihm unterwerfen. Ich bin als Laien den Priestern des Rechts ausgeliefert. Als Atheist bin ich der Religion Recht hilflos ausgeliefert. Ich habe nicht die Freiheit das Recht zu ignorieren. Ich habe nicht die Macht das Recht zu ändern – höchstens durch Revolution. Die Macht das Recht zu ändern haben nur die Juristen, die das Recht so komplex gemacht haben, dass nur noch sie es beherrschen. Auch hier eine Parallele zu den meisten religiösen Gruppierungen: Die Priester machen die Regeln, die Laien haben zu akzeptieren.
Zuerst einmal ein Dilemma nur für mich.
Fazit
Wenn dir beim nächsten Mal jemand sagt, Artikel 5 meint die Nachzensur, zeig ihm den Stinkefinger, inter pre tie re selbst.
