Gabi und Sascha
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Ein kurz aufleuchtender Star am Suchsystemhimmel ist verglüht. Heute wird der letzte siechende Tag im Leben der Vionto GmbH (AZ: 36v IN 4850/09, Amtsgericht Charlottenburg) sein. Es folgt der unrühmliche Tod durch Insolvenz. Innerhalb eines Jahres aufgestiegen und dann jäh abgestürzt. Diesmal bleibt nichts übrig. Götterdämmerung.

Preise hatte Vionto letztes Jahr einige gewonnen: SuMa-Award, Red Herring Europe Top 100 2009 Award, den eco Internet Award und noch einige mehr. Es hat nichts genützt. Ideen – technisch hervorragend umgesetzt – konnten oder wollten nicht in Geld umwandelt werden. War das Fundament zu wackelig, ohne Substanz, gepaart mit Unvermögen und Arroganz? Eine Mischung wird es gewesen sein. Der Tod, er war schon im Frühjahr 2009 absehbar. Da war die Vionto gerade einmal 5 Monate alt. Entstanden aus den wirtschaftlichen Trümmern der semgine GmbH (AZ: 36s IN 4162/08, Amtsgericht Charlottenburg). Alte Mannschaft, neue Investoren und in der Führung ein Neuer: Ralf von Grafenstein. Nach kurzer Zeit war auch wieder der ehemalige semgine Geschäftsführer mit an Bord: Dr. Martin Christian Hirsch – als Geschäftsführer.

Zum Ende der semgine möchte ich nicht viel schreiben. Ich war als Mitarbeiter involviert. Nur soviel: der Eyeplorer, das System auf dem die Vionto basiert, wurde in den letzten Monaten der semgine entwickelt. Er sollte als Neuanfang dienen und neue Investoren anfixen. Die alten Investoren waren verbrannt.

Ich konnte das kurze aufblühen und verglühen der Vionto aus naher Distanz beobachten. Ich habe mitbekommen, wie die Ergebnisse des Eyeplorers nicht wirklich besser wurden, aber immer neue Funktionen hinzu kamen. Funktionen, die mit Suche nichts zu tun haben. Bei 13.000 Anfragen am Tag wurde ein Tool zur Ergebnissverwaltung für angemeldete Benutzer aufgebaut. Es wird sogut wie nie benutzt. Das Produktmanagement wollte es nicht wirklich. Die Entwickler sahen keinen grossen Sinn darin. Trotzdem ist es da.

Ich habe mitbekommen, wie Mitte 2009 erste Unruhe aufkam. Wie Kurzarbeit angemeldet wurde für ein Unternehmen, welches praktisch keine Kunden hatte und nur durch sein Portal bekannt war. Dem aussen stehenden Betrachter stellte sich sofort die Frage: und wer entwickelt jetzt das Portal weiter? Die Kurzarbeit war nach knapp einer Woche wieder vorbei – auch weil niemand da war als Besuch im Haus herum geführt wurde. Kurz nach der Kurzarbeit drei Mitarbeiter entlassen: zwei Entwickler und ein SysAdmin. Es blieben zwei Geschäftsführer, zwei bis drei Produktmanager (so genau habe ich das nie durchschaut), eine Sekretärin, ein Admin, vier Entwickler und einige Praktikanten.

Die Entlassungen waren dann wohl der berühmte Tropfen. Schon zur Zeit der Kurzarbeit suchten zwei Entwickler aktiv nach einem neuen Job – nicht die später Entlassenen. Nach den Entlassungen waren es dann drei. Mitarbeiter haben ein gutes Gespür und sind bei einer Insolvenz meistens bereit dem Unternehmen zu helfen. Trotzdem gibt es immer wieder Eintagesurlaube, mitten in der Woche :-) Als die Vionto Insolvenz anmeldete gab es diesmal kein Halten mehr. Das Team brach in kurzer Zeit auseinander. Das endgültige Ende eines kleinen Softwareunternehmens.

Die Ruinen sind heute noch unter der Eyeplorer-Domain zu bewundern. Sehr SEO lastig. Ich verlinke nicht, weil ich nicht weiss wie lange die Domain noch existiert. Die rauchenden Trümmer basieren auf einer komplexen Technologie. Mehrere 100.000 Zeilen Quelltext für die heute kein Entwickler mehr zuständig ist der sich auskennt. Der Quellcode ist damit so gut wie wertlos. Trotzdem will Dr. Martin C. Hirsch wohl erneut weiter machen – mit dem Google-Herausforderer.

Stay tuned.