Saschas erstes Schwangerschaftstagebuch

5. Mai 2004
Vor einer Woche habe ich erfahren, dass du in Gabi bist. Als Gabi mir den positiven Schwangerschaftstest gezeigt hat habe ich geweint. Ich freue mich auf dich. Ich weiß, dass du unser ganzes Leben auf den Kopf stellen wirst. Gabi hat Angst davor, aber ich kann es gar nicht erwarten, dass du endlich bei uns bist. Eigentlich bist du es ja schon. Aber das soll die ganz normale Angst einer werdenden Mutter sein, wenn sie erfährt, dass sie schwanger ist.

Am Montag war Gabi bei der Frauenärztin. Ich war nicht dabei, obwohl ich Urlaub hatte. Auf dem Bild hat sie dich schon gesehen. Aber du warst nur ein kleiner schwarzer Punkt. Am 25. Mai 2004 muss sie wieder hin. Und dann soll man schon Herztöne von dir hören können.

6. Mai 2004
Gabi hat ein Buch über die Schwangerschaft gekauft. Ich habe nur einen kurzen Blick hinein geworfen. Schwangerschaft ist kompliziert. Und irgendwie nimmt einem so ein Buch den Spass. Immer stehen irgendwelche Erklärungen darin. Wie kann man sich denn freuen und das bewusst erleben, wenn man alles schon im Voraus lesen kann. Ich weiss noch nicht ob ich das tun soll. Ich glaube es ist besser ich kümmer mich nicht zu sehr darum. Andererseits hatte man früher Eltern und Grosseltern, die einem alles erklärten. Es fängt schon an. Du machst mein Leben komplizierter.
7. Mai 2004
Deine Mama macht sich Sorgen. Sie hat Angst das du vielleicht nicht gesund bist. Und ich musste ihr bereits die komischsten Sachen einkaufen. Eigentlich hat sie keinen grossen Hunger. Aber gestern musste ich Weintrauben, Brathering, Buletten, Malzbier und Brötchen holen. Naja, zumindest die Bratheringe hat sie aufgegessen. Danach sind wir zusammen in die Badewanne gegangen. Ich finde, dass ihre Brust schon grösser geworden ist. Sie aber nicht. Dafür verfärben sich die Brustwarzen schon und sie sind sehr empfindlich. Ausserdem hat sie Nicole erzählt, dass du unterwegs bist. Und sie hat Angst vor unserem Flug am nächsten Donnerstag nach Córdoba. Aber die Frauenärztin hätte ihr davon sicherlich abgeraten, wenn es für dich gefährlich ist.
13. Mai 2004
Deine Mama macht sich schon ein bisschen verrückt. Fast jeden Tag berichtet sie von anderen Dingen, die Komplikationen auslösen könnten. Ich habe allerdings herausgefunden, dass scheinbar mehr als die Hälfte aller Schwangerschaften inzwischen so genannte Risikoschwangerschaften sind. Wenn das so ist, dann stimmt etwas mit den Bewertungen nicht oder wir müssten eine enorme Kindersterblichkeitsrate haben. Ich denke das ist Blödsinn.

Gestern hat sich Gaby in einem Schwangerenchat angemeldet. Nachdem was sie erzählt ist es dort wie in allen Chats seit ich nicht mehr chatte. Und das sind immerhin schon 5 Jahre oder mehr: Alles bekloppte Selbstdarsteller. Eine Frau die irgendwas spührt und nachfragt ob sie schwanger sei. Warum macht sie keinen Test? Ist ihr zu teuer... Warum geht sie nicht zum Arzt? Wie? Alle zwei Wochen? Ohne weitere Worte. Andere sind nicht schwanger, waren es auch noch nicht, geben aber Tipps und Tricks oder geben zu allem einen Kommentar ab. Heute hat sie nicht mehr vom Chat erzählt.
Morgen früh fliegen wir nach Córdoba. Gaby hat schreckliche Angst, dass dir was alles passieren könne. Dabei hat sie doch dieses tolle Buch über die Schwangerschaft, in welchem ich nicht lesen wollte. Ich habe es dann doch getan. Deine Mama hat genau die Kapitel überlesen, in denen steht, dass das kein Problem ist. Manchmal blendet sie die guten Nachrichten einfach aus, weil sie sie nicht sehen will.

19. Mai 2004
Wir sind wieder aus Spanien zurück. Gabi war am Donnerstag auf dem Weg zum Flughafen sehr nervös. Beruhigt hat sie sich erst wieder, als sie in Madrid auf dem Flughafen sehr viele schwangere Frauen gesehen hat. In Córdoba selbst war es wunderschön. Das Fest der Patios ist sehr romantisch, noch nicht sehr überlaufen und zumeist von Einheimischen besucht. José und Inma haben wir erzählt, dass du unterwegs bist. Der Grund war natürlich auch, dass Gabi keinen Alkohol trinken darf und kein rohes Fleisch (Schinken) essen sollte. Wegen der so genannten Toxoplasmose. Sie haben sich sehr gefreut. Und ich möchte mich noch einmal sehr bei den beiden bedanken, dass sie uns ein paar traumhafte Tage in Córdoba beschert haben.

Jetzt zu Hause macht deine Mutter sich wieder stark Gedanken. Sie sucht immer noch nach einer Alternative zu ihrer bisherigen Frauenärztin, mit der sie nicht sehr zufrieden ist. Leider ist das gar nicht so einfach. Es gibt überall irrsinnig lange Wartezeiten. Das ist schon ziemlich komisch. Man kann das mit dem schwanger werden doch nicht aussuchen. Wenn an denkt oder merkt, dass man es ist sollte man doch gleich einen Frauenarzt aufsuchen können und nicht erst 6-8 Wochen warten müssen. Nicht ganz verständlich.

23. Mai 2004
Vorgestern hatte Gabi starke Schmerzen im Bauch. Ich habe mir sehr grosse Sorgen gemacht, dass mit dir vielleicht nicht alles in Ordnung ist. Bisher habe ich ja alles noch ganz leicht genommen (Was mir deine Mama schon manchmal vorwirft, dabei freue ich mich ganz, ganz tüchtig auf dich.). Aber das war schon einschneidend. So etwas habe ich schon lange nicht mehr an mir festgestellt. Dabei stelle ich bei mir zur Zeit sowieso eine gewissen Lustlosigkeit fest. Meine Arbeit macht mir zur Zeit sehr wenig Spass. Ich habe dort Sorgen der Grösse der Aufgabe nicht gewachsen zu sein. Aber das soll eigentlich nicht hier stehen, denn es geht um dich.

Nervig sind auch meine Eltern. Sie fragen andauernd ob Gabi schwanger ist. Alle die, die mir zum Geburtstag gratuliert haben, hat eigentlich nur interessiert ob Gabi schwanger ist. Egal ob Tante Elke, Oma (deine Uroma Charlotte) oder deine Grosseltern. Wir würden es ihnen ja gerne sagen. Aber noch kann zuviel passieren. Obwohl ich heute Tina gesagt habe, das du unterwegs bist. Ich sollte es. Gabi musste es ihr einfach mitteilen.
Am Dienstag hat Gabi einen weiteren Termin beim Frauenarzt. Ich werde auch mitkommen. Vermutlich können wir dabei schon dein Herz schlagen hören. Wenn alles so ist wie wir uns das gedacht haben, dann bist du jetzt seit 9 Wochen in Gabis Bauch. Ich bin schon schrecklich aufgeregt. Bestimmt sehe wir dich auch schon auf einem Ultraschallfoto. Dass werde ich dann bestimmt scannen und hier einbauen.

25. Mai 2004
Ich habe dich heute zum ersten mal gesehen. Auf einem Ultraschallfoto. Ich hätte nicht gedacht, dass man schon so viel erkennen kann. Den Kopf ganz deutlich, und auch wo die Arme und Beine am Körper sind kann man deutlich sehen. Dein Herz schlägt schon. Auch das ist deutlich zu sehen. Und dann hat uns die Ärztin auch noch deine Wirbelsäule gezeigt. Gabi und ich waren schon ziemlich nervös heute. Bei mir war es eine unbestimmte Nervosität. Ich kann nicht genau beschreiben was es war. Ich hatte keine Angst, dass irgendwas Schlimmes erkannt wird. Dazu bin ich zu optimistisch. Ich kann es nicht erklären. Bei Gabi war es die Angst, dass was schlimmes mir dir ist. Warum weiss ich nicht. Aber deine Mama denkt sowieso meistens sehr negativ. Das ist eine ihrer ganz grossen Schächen.

Am 10. Juni hat Gabi den nächsten Termin. Leider kann ich dann nicht mitkommen, weil es um 10 Uhr morgens ist. Aber danach, wenn dann alles in Ordnung ist, ist Gabi schon 12 Wochen mit dir schwanger. Dann können wir es endlich auch Gabis und meinen Eltern und Oma Lübbenstraße sagen. Darauf freue ich mich schon. Für Gabis Eltern ist es zwar nichts neues, sie haben schon 7 Enkel. Aber meine Eltern werden sich sehr freuen. Auch wenn meine Mama sagen wird, dass sie das schon lange geahnt hat. Aber das sagt sie sowieso fast immer.
Morgen werde ich noch das Ultraschallbild von dir in scannen und hier einbauen.

26. Mai 2004
Das in der Mitte bist du:
Du als Baby auf einem Ultraschallfoto, ca. 9 Wochen alt.

Gestern hat mir deine Mama noch gesagt, dass ihre neuen BHs keine Falten mehr werfen. Sie kann darüber nicht lachen. Aber ich finde es ziemlich komisch. Ausserdem haben wir gestern von der Frauenärztin noch ganz viele Hefte und Bücher bekommen. Aber ich finde die Sachen taugen nicht sehr viel. Das mitnehmen hätten wir uns auch sparen können.

27. Mai 2004
Wir brauchen ja sooooooooo viel. Deine Mama hat schon ganz spezielle Wünsche für den Wickeltisch. Schubladen zum herausziehen soll er haben. Die kann man besser zumachen als die mit Klappen. Verstehe ich. Und etwas höher als die meisten soll er sein, damit ich es bequemer beim wickeln habe. Und er darf natürlich nicht sooooooooo teuer sein. Ich vermute sie wird länger suchen müssen. Einen Kinderwagen brauchen wir auch. Aber da sind wir uns noch nicht sicher. Chic soll er sein. Sicher und leicht bedienbar. Früher haben wir uns immer für Postkinderwagen begeistert. Die hatten blauen Stoff und gelbe Stangen und wirkten sehr robust. Ob ich die immer noch toll finde weiss ich nicht. Denn jetzt wird es ernst. Jetzt geht es wirklich um dich und nicht nur um Phantasien sondern um dich.
1. Juni 2004
Wir hatten ein wunderschönes und entspanntes Wochenende. In Kreuzberg war der Karneval der Kulturen. Dabei haben wir am Sonntag beim Umzug ganz viele Babies gesehen und ich hätte jedem Papa und jeder Mama zurufen können, dass du unterwegs bist. Und auch so kann deine Mama sich kaum noch beherschen es allen zu erzählen. Dein Cousin Lukas weiss es schon und deine Tante Beate auch. Aber Beate schweigt und Lukas ist 7 Monate alt. Trotzdem wird es Zeit, dass wir unsere Familientour machen. Dringend sogar... Heute bei der Arbeit habe ich mich auch verquatscht.

Ganz so schön war das Wochenende allerdings nicht. Wir haben etwas sehr schlimmes von einem Freund erfahren. Allerdings kann ich nicht schreiben was. Aber seinen guten Rat versuche ich zu beherzigen: Nimm dein Kind ernst! Das ist alles. Das Geheimnis der Erziehung?! Er sagte mir aber auch, dass das sehr schwer ist. Dieses Gespräch mit ihm hat sich bei mir eingebrannt. Du kannst mich immer daran erinnern wenn ich es einmal vergessen sollte. Immer. Denn die Konsequenz kann katastrophal sein...

3. Juni 2004
Bauchumfang Gabi: 96 cm
Bauchumfang Sascha: 143 cm
7. Juni 2004
Trisomie 21. Wie ein Damoklesschwert scheint es über uns zu hängen. Am Wochenende war deine Mama nicht immer ganz einfach. Das Ergebnis der Toxoplasmoseuntersuchung vom 25. Mai steht noch aus und schon gibt es ein neues Thema der Angst. In dem Forum, in welchem sie regelmässig liesst ist ein Fall mit dem Down-Syndrom aufgetreten. Die Mutter will das Kind abtreiben. Gabi würde es nicht machen und ich bin mir nicht sicher. Ich hier schon eine sehr starke Bindung zu dir aufgebaut. Ich denke ich sollte mir erst Gedanken darüber machen wenn eine solche Nachricht kommt. Ich denke fast immer positiv und möchte mich nicht mit allen möglichen Problemen belasten, die da vermutlich doch nicht auf uns zukommen werden. Man kann soetwas ignorant nennen. Für mich ist es ein Schutz.

Am Freitag muss sie wieder zu einer Untersuchung zu der Frauenärztin. Dabei können wir dann sagen, ob wir eine sogenannte Nackentransparenzuntersuchung machen wollen. Soetwas soll voraussagen, ob ein genetischer Defekt vorliegt. Etwas ich komisch finde ist allerdings schon, dass dazu in Österreich Schwangeren ab 35 Jahren geraten wird. Deine Mama ist jetzt 29. Sie gehört also scheinbar noch nicht einmal zu einer sogenannten Risikogruppe. Ich glaube das Problem wird aufgebauscht um Geld zu verdienen. Gerade in Hinblick auf die Anzahl der wirklichen Fälle.

Und dann frage ich mich natürlich auch was das Ergbniss sein soll? Gabi möchte keine Konsequenzen ziehen. Wozu dann die Untersuchung. Ich will ja eigentlich auch noch nicht wissen, ob du eine Junge oder ein Mädchen bist. Aber ihr zuliebe kann uns das die Ärztin verraten.

10. Juni 2004
Vor einiger Zeit habe ich deiner Mama das Tagebuch gezeigt. Es sind meine Gedanken und Eindrücke. Als Gabi den Eintrag vom 7. Juni gesehen hat, hat sie mir gleich gesagt, dass ich da was nicht richtig verstanden habe. Ich denke ich habe es schon richtig verstanden. Vermutlich hat sie es nur missverständlich ausgedrückt. Aber bei mir stellt sich natürlich jetzt die Frage: Nehme ich beim Schreiben auf Gabi rücksicht? Werde ich politisch? Nein, ich werde weiter schreiben was ich denke.

Heute Morgen hat Gabi mir gesagt, dass sie zur Zeit wenig an dich denkt. Und sie hatte wohl ein schlechtes Gewissen dabei. Ich finde allerdings, dass das vollkommen in Ordnung ist. Ihr Bauch ist noch nicht so schwer, als dass sie damit Probleme hat. Das ziehen und zerren, welches du direkt oder indirekt in ihrem Bauch veranstaltest, ist auch nicht immer da. Da ist es doch schön, wenn sie ihre Sorgen zwischendurch einmal ausblendet. Und morgen ist sowieso der nächste Vorsorgetermin. Da kann sie dann der Ärztin alles erzählen. Die ewig blutverkrustete Nase, dass die in Spanien was gegen Herpes auf der Lippe genommen hat usw. Sie maht sich eine Liste, denn das mit dem Herpes hatte am 25. Mai vergessen. Ich werde auch wieder mitgehen. Und danach fahren wir zu deinen Grosseltern nach Nordenham und Birgte. Auf das Gesicht von meinem Papa freue ich mich wenn wir ihnen sagen, dass sie zum ersten Mal Oma und Opa werden. Meine Mama wird bestimmt sagen, dass sie dass alles schon geahnt hat. Aber sowas sagt sie immer. Und Gabis Eltern in Birgte werden zum achten Mal Grosseltern. Ich denke einmal, die nehmen das locker hin. Und deiner Uroma Charlotte werden wir es natürlich auch sagen. Sie wird sich sehr, sehr freuen und hoffentlich wieder etwas Lebensmut fassen. Sie ist jetzt 90 Jahre alt und möchte dich bestimmt noch einmal in den Armen halten bevor sie stirbt.

11. Juni 2004
Du lebst nicht mehr.

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Letzte Aktualisierung: 2005-04-22 - webmaster@speexx.de Impressum
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